Drei Erfindungen haben das Antlitz Europas innerhalb weniger Generationen verändert wie kaum etwas zuvor: die Dampfmaschine, die mechanisierte Druckpresse und die allgemeine staatliche Schulpflicht. Jede für sich war eine technische oder organisatorische Neuerung. Zusammen waren sie etwas anderes: das Ende des alten Königtums und der Beginn der modernen Massengesellschaft. Aristokratien, die jahrhundertelang nicht zu erschüttern gewesen waren, lösten sich innerhalb von zwei, drei Generationen auf. An ihre Stelle trat — formal — der freie, lesefähige Bürger, ausgestattet mit Stimmrecht, Zeitung, Volksschule und einer Zukunft, in der er sein Geschick selbst lenken sollte. Die historische Erzählung, die uns von dieser Verschiebung erreicht hat, ist eine Erzählung der Befreiung. Sie stimmt — bis zu einem Punkt. Edward Bernays hat den Punkt, an dem sie aufhört zu stimmen, in einem einzigen bitteren Satz markiert: Die allgemeine Bildung habe dem Einzelnen nicht den Verstand beschert, sondern „einen Satz Schablonen, geschmiert mit der Farbe von Werbeslogans, Schlagzeilen und ausgewählten wissenschaftlichen Befunden". Wer dieses Paradox ernst nimmt, sieht die Aufklärung in einem anderen Licht: nicht als Triumph der Vernunft über die Bevormundung, sondern als doppelten Vorgang, in dem Befreiung und Lenkbarmachung zwei Seiten derselben Bewegung waren.
Drei Erfindungen, ein Erdbeben
Wenn man die industrielle Revolution rückwirkend in ihre wirksamsten Teile zerlegt, bleiben drei Hebel übrig, die einzeln schon viel verändert hätten — und die zusammen das Ende einer ganzen Gesellschaftsordnung herbeiführten. Der erste Hebel war ökonomisch: die Dampfmaschine und alles, was sie mit sich brachte. Sie löste den Wert von Grund und Boden und verlagerte ihn in die Fabrik, in die Maschine, in die Schiene. Wer eine Manufaktur betreiben konnte, war innerhalb einer Generation wichtiger als wer ein Lehen besaß. Macht folgt Geld — nicht immer, aber meistens. Und das Geld wanderte vom Schloss in die Halle.
Der zweite Hebel war medial: die mechanisierte Druckpresse, ergänzt durch billiges Papier, schnelle Transportwege und später die Telegrafie. Was vorher mühsam von Mönchen und Setzern Stück für Stück hergestellt worden war, konnte plötzlich in Tausenden Exemplaren am selben Morgen in den Händen der Leser landen. Die Zeitung als tägliches Massenmedium war kein gesellschaftliches Detail — sie war eine vollständig neue Infrastruktur: eine Leitung, durch die täglich, in jeden Haushalt, Nachrichten, Meinungen, Werbung und Welterklärungen flossen. Das hatte es in der Geschichte nie gegeben.
Der dritte Hebel war institutionell: die allgemeine staatliche Schulpflicht. Ohne sie wäre die Druckpresse leergelaufen. Eine Zeitung nützt nichts in einer Bevölkerung, die nicht lesen kann. Erst die Volksschule schuf den massenhaften Leser — eine Figur, die es vorher allenfalls in Bruchteilen der Bevölkerung gegeben hatte. Damit war zum ersten Mal in der Geschichte das Material vorhanden, an das sich Botschaften in industriellem Maßstab senden ließen.
Diese drei Hebel hingen funktional zusammen. Die Dampfmaschine erzeugte den Wohlstand und die Verstädterung, die die Schule überhaupt möglich machten. Die Schule erzeugte die Leser, ohne die die Druckpresse keinen Sinn hatte. Die Druckpresse erzeugte das öffentliche Bewusstsein, das die neue ökonomische Klasse politisch verwertbar machte. Wer eines dieser drei Elemente weglässt, kann den Umbruch nicht erklären. Erst zusammen ergeben sie das Erdbeben, das in zwei Generationen Throne stürzen, Bürgertümer hochheben und Massen mündig erscheinen ließ.
Der König als Sachfrage
Die Konsequenz dieser Verschiebung für das alte Königtum war hart und schnell. Wo wirtschaftliche Macht aus dem Grundbesitz auswandert, verliert der Adel den Boden, auf dem seine politische Stellung gewachsen war. Wo täglich eine bürgerliche Zeitung erscheint, in der bürgerliche Anliegen mit bürgerlichem Selbstbewusstsein verhandelt werden, wird der Hof zum Anachronismus. Wo eine Generation in der Volksschule sitzt, die nicht mehr in der Logik von Untertanenverhältnissen denkt, sondern in der Logik von Bürgerrechten, verliert die Idee des göttlich legitimierten Herrschers ihre Selbstverständlichkeit.
Die Könige des 19. Jahrhunderts haben das nicht alle sofort begriffen, aber sie haben es nacheinander zu spüren bekommen. Manche fielen schnell, manche zogen sich auf Repräsentationsfiguren zurück, manche überdauerten in einer ausgehöhlten Form, die kaum noch etwas mit der alten Bedeutung des Wortes zu tun hatte. Die Antwort auf die jahrhundertealte Frage „Wer regiert?" war auf einmal nicht mehr von selbst klar.
Was diese Stelle bemerkenswert macht: Die Verschiebung erfolgte nicht zuerst durch Ideen, sondern durch Technik und Institutionen. Aufklärung als philosophische Bewegung gab es lange vor Dampfmaschine und Volksschule, und sie hatte die Herrschaftsverhältnisse zu Lebzeiten ihrer großen Köpfe kaum berührt. Erst als die drei Hebel praktisch wirksam wurden, kippte das alte System. Das ist eine ernüchternde Beobachtung: Es waren nicht die besseren Argumente, die den König stürzten — es war die veränderte Materialität der Gesellschaft. Die Argumente kamen hinterher und legitimierten, was die Technik schon angerichtet hatte.
Das Versprechen der Mündigkeit
Mit dem Bürgertum, dann mit den Massen, bekam ein altes philosophisches Versprechen plötzlich gesellschaftliche Wucht: das Versprechen der Mündigkeit. Kant hatte es ein halbes Jahrhundert zuvor in eine berühmte Formel gegossen — Aufklärung sei der Ausgang aus der selbstverschuldeten Unmündigkeit. Im 19. Jahrhundert wurde daraus ein politisches Programm: Wer lesen, schreiben und rechnen kann, wird sich selbst informieren. Wer informiert ist, wird sich selbst eine Meinung bilden. Wer eine Meinung hat, kann mitentscheiden. Wahlrecht, Pressefreiheit und Schulpflicht griffen ineinander.
Diese Erzählung war nicht zynisch gemeint. Ihre Träger glaubten daran. Sie sahen die alte Welt als eine Welt der Bevormundung, in der der einfache Mensch nicht zur Vernunft kommen durfte, weil ihm die Mittel dazu fehlten. Sie sahen die neue Welt als die Welt, in der diese Mittel endlich verteilt würden — und in der dann, fast zwangsläufig, eine breite, gut informierte, urteilsfähige Bürgerschaft entstehen würde. Aus Untertanen würden Subjekte werden.
Diese Erwartung war nicht naiv. Sie war konsequent. Wer drei Hebel der Befreiung ausrollt — Wohlstand, Information, Bildung —, hat gute Gründe zu erwarten, dass der Befreite mit diesen Werkzeugen das tut, wozu sie gedacht sind: sich selbst zu führen. Die Enttäuschung kam nicht aus einem Denkfehler. Sie kam daraus, dass dieselben Werkzeuge auch noch etwas anderes konnten — etwas, das die Aufklärung nicht eingeplant hatte.
Was die Lesefähigkeit wirklich brachte
Die nüchterne Beobachtung, an der das Versprechen der Aufklärung zu kippen beginnt, ist die folgende: Lesefähigkeit ist nicht gleich Denkfähigkeit. Wer lesen kann, kann Texte aufnehmen. Wer Texte aufnimmt, hat Inhalte im Kopf. Welche Inhalte das sind, hängt davon ab, welche Texte er liest — und welche Texte er liest, hängt davon ab, welche Texte überhaupt produziert werden und ihn erreichen. Genau hier setzt die unangenehme zweite Seite der Triade an.
Was die Druckpresse leistete, war nicht nur die Vervielfältigung von Inhalten. Sie war zugleich eine Auswahl-Maschine. Jeden Morgen entschieden ein paar Redaktionen, welche Vorgänge der Welt zur Schlagzeile wurden und welche im Stillen blieben; welche Stimmen Platz bekamen und welche keinen; welche Wortwahl, welche Reihenfolge, welche Bilder. Was im Kopf des Lesers ankam, war nicht die Welt — es war eine kuratierte Auswahl aus der Welt, gewichtet nach den Maßstäben einer kleinen Gruppe von Herstellern.
Bernays formuliert die Folge dieser Lage mit einer Schärfe, die heute noch sitzt: Was der durchschnittliche Mensch durch die allgemeine Lesefähigkeit gewonnen habe, sei nicht der eigene Verstand, sondern „ein Satz von Schablonen, gefärbt mit Werbeslogans, Leitartikeln, populär aufbereiteten Studien, dem Geschwätz der Klatschblätter und vereinfachten Geschichtsbildern — kurz: aus allem, nur nicht aus eigener Denkarbeit". Bei Millionen Menschen ist dieser Satz von Schablonen derselbe, und wenn man auf diese Millionen mit demselben Reiz einwirkt, kommt dieselbe Reaktion heraus.
Das ist eine Beobachtung mit weitreichenden Folgen. Sie bedeutet: Die Lesefähigkeit hat den Einzelnen nicht zu einem unverwechselbaren Urteiler gemacht. Sie hat ihn zu einer kalkulierbaren Größe gemacht — zu einem Knoten in einem riesigen Netz, dessen Reaktion sich aus der Eingabe, die er empfängt, mit erstaunlicher Genauigkeit vorhersagen lässt.
Die Schule lehrt nicht denken — sie lehrt lesen. Was gelesen wird, ist eine zweite Frage, und sie liegt nicht mehr in der Hand desjenigen, der lesen gelernt hat.
Das Paradox: Befreiung und Lenkbarmachung sind dieselbe Bewegung
Hier liegt das eigentliche Paradox, das Bernays nur halb ausspricht und das es wert ist, ausdrücklich auf die Stirn zu schreiben. Die Aufklärung hat den Einzelnen befreit — und in derselben Bewegung hat sie ihn lenkbar gemacht. Beides hängt zusammen, beides folgt aus demselben Werkzeugsatz.
Der Untertan eines Königs war in vielerlei Hinsicht unfrei. Er war zugleich, in einer paradoxen Weise, unzugänglich. Eine Botschaft, die Hunderttausende von Bauern erreichen sollte, konnte vor 1800 niemand ausspielen — es gab keine Infrastruktur dafür. Die Bauern saßen im Dorf, kannten ihre Pfarrer, ihre Grundherren, ihre Nachbarn, und das war im Wesentlichen die Welt, mit deren Meinungen sie zu tun hatten. Wer in Paris regierte oder publizierte, hatte in der Hütte eines Bauern in der Auvergne kaum eine Stimme.
Mit der Triade änderte sich genau das. Die staatliche Schule reichte bis in die letzten Dörfer; die Druckpresse versorgte sie täglich mit Inhalt; die Dampfmaschine sorgte für die Transportwege, auf denen das funktionierte. Jetzt war der Bauer in der Auvergne erreichbar — nicht nur befreit von ständischen Fesseln, sondern erreichbar im wörtlichen Sinn: ansprechbar von einer Stimme aus Paris, die er gestern noch nicht kannte. Befreiung und Lenkbarmachung waren in dieser Bewegung nicht voneinander zu trennen.
Wer das paradox findet, hat den entscheidenden Punkt verstanden. Die meisten Begriffe der Freiheit, die wir in der politischen Sprache benutzen, denken nur die eine Seite mit: die Befreiung von alten Fesseln. Sie übersehen, dass jede solche Befreiung den Befreiten zugleich erreichbar macht — für die Schule, für die Zeitung, für den Werbeslogan, für den Wahlkampf, für den Aktivisten, für den Lobbyisten. Wer den Einzelnen in eine Stellung versetzt, in der er für die Stimme der eigenen Gemeinschaft nicht mehr taub ist, hat damit unvermeidlich auch ein Tor geöffnet, durch das andere Stimmen kommen.
Die Massengesellschaft als Voraussetzung der Massenlenkung
Aus diesem Doppelvorgang entstand eine soziale Form, die es vorher nicht gegeben hatte: die Massengesellschaft. Millionen Menschen, die nicht mehr in Dörfern und Ständen eingebettet sind, sondern in Städten leben, in Fabriken arbeiten, in Zeitungen die Welt erfahren, in Schulen das Lesen gelernt haben und in Wahlen ihre Stimme abgeben. Dieser Typus ist, jenseits aller ideologischen Bewertung, eine Erfindung des 19. Jahrhunderts. Vorher gab es zwar viel Mensch, aber selten Masse.
Diese Massengesellschaft ist mehr als die Summe ihrer Mitglieder. Sie hat eigene Eigenschaften, die in alten ständischen Gesellschaften keine Rolle spielten — vor allem eine: Sie ist als Ganze ansprechbar. Eine Botschaft, die die richtige Form hat, kann sie in wenigen Tagen durchqueren. Eine Stimmung kann von einem Anlass aus über Zeitungen und Straßen in das gemeinsame Bewusstsein wandern. Ein Bild kann zur Ikone werden, ein Slogan zum Reflex.
Und da die Massengesellschaft nicht nur die soziale Form, sondern auch der politische Träger der neuen Ordnung ist — sie wählt schließlich die Parlamente —, ergibt sich aus ihrer Ansprechbarkeit ein politisches Werkzeug, das es vorher nicht gegeben hatte. Wer die Massengesellschaft erreicht, kann ohne Schwert, ohne Krone, ohne Geburtsrecht eine Macht ausüben, die alle alten Mächte in den Schatten stellt. Diese Möglichkeit hat sich nach 1900 in Verbänden, Parteien, Behörden und Konzernen schnell zu einer Routine entwickelt — der sogenannten modernen Propaganda, deren Mechanik an anderer Stelle ausführlicher beschrieben ist (siehe Die unsichtbare Regierung).
Das ist die zweite Hälfte des Paradoxes: Massengesellschaften sind nicht erst durch böse Akteure lenkbar — sie sind lenkbar von der Bauart her. Wer Millionen befreit, indem er sie alphabetisiert, urbanisiert und mit Zeitungen versorgt, hat dieselben Millionen damit auch zu einem Resonanzkörper zusammengestellt, der auf abgestimmte Stimmen reagiert. Die Frage ist nie mehr, ob das passiert. Die Frage ist nur noch, wer es tut und wozu.
Die Werbefarbe auf den Schablonen
Es lohnt sich, beim Bild von den Schablonen noch einen Moment zu verweilen, weil es genauer ist, als es zunächst klingt. Eine Schablone ist ein vorgefertigter Umriss, durch den Farbe getrieben wird. Was am Ende dabei herauskommt, ist nicht das Werk dessen, der die Farbe aufträgt — es ist das Werk dessen, der die Schablone geschnitten hat. Wer durch eine Stern-Schablone sprüht, bekommt Sterne, ganz gleich, ob er Sterne sehen wollte. Wer durch eine Schablone des „normalen Lebens" sprüht, bekommt eine Vorstellung von Normalität — auch ohne sich je gefragt zu haben, was Normalität eigentlich ist.
Die Lesefähigkeit hat dem durchschnittlichen Einwohner einer modernen Gesellschaft einen Vorrat an solchen Schablonen geliefert. Sie kommen aus dem Schulbuch, aus der Zeitung, aus der Werbung, aus dem Roman, aus dem Lied im Radio, aus der Verfilmung im Kino — heute aus dem Video im sozialen Netzwerk. Bilder davon, wie eine Ehe auszusehen hat. Wie ein erfolgreiches Leben verläuft. Welcher Beruf Anerkennung bringt. Welche politischen Positionen anständig sind und welche nicht. Wer wir sind und wer die anderen sind.
Das Unauffällige ist: Diese Schablonen sind so tief in den Alltag eingelassen, dass sie nicht mehr als Schablonen auffallen. Sie erscheinen ihren Trägern als selbst gedacht, als „eigene Meinung", als „gesunder Menschenverstand", als „das, was eben alle vernünftig finden". Tatsächlich ist es selten der Träger, der die Schablone geschnitten hat. In den allermeisten Fällen hat er sie übernommen, ohne sie als geliehene zu erkennen — ein Vorgang, der in Geliehene Überzeugungen im Detail beschrieben ist.
Die „Werbefarbe", von der Bernays spricht, ist dabei kein Zufall. Sie verweist auf die ökonomische Seite des Vorgangs: Ein großer Teil der Schablonen wird heute nicht von kühlen Philosophen geschnitten, sondern von Unternehmen, die ein Interesse haben — am Verkauf eines Produkts, an einer politischen Stimmung, an einer Lebensform, in der ihre Ware gebraucht wird. Wem die Schablone nützt, lässt sich oft am Markennamen ablesen, der durch die Farbe schimmert.
Was die Triade ersetzte — und was sie nicht ersetzte
Die Triade hat den König gestürzt, in dem Sinne, dass sie das alte Geflecht aus Stand, Boden und Geburtsrecht aufgelöst und durch ein neues Geflecht aus Industrie, Medien und Schulbildung ersetzt hat. Was sie nicht ersetzte, ist das, was den König in der alten Ordnung im Innersten ausgemacht hat: eine sichtbare Adresse der Macht. Der König war eine Person. Man wusste, wer er war. Man konnte ihn loben oder hassen, ihm zujubeln oder ihn stürzen. Was die Triade in seinen Platz gesetzt hat, ist keine Person, sondern ein Geflecht: eine Vielzahl von Akteuren, die zusammen die Werkzeuge bedienen, die der König nicht mehr hat — und die im Verbund eine Wirkung erzeugen, für die niemand mehr persönlich zur Verantwortung gezogen werden kann.
Diese Verschiebung von der sichtbaren Person zur unsichtbaren Struktur ist eine der bleibenden Hinterlassenschaften der Triade. Sie hat unbestreitbare Vorteile — sie macht die schlimmsten Formen tyrannischer Willkür schwieriger und teilt die Verantwortung. Sie hat aber auch einen Preis: Sie nimmt der politischen Frage „Wer regiert?" ihre einfache Antwort. Wo es früher einen König gab, gibt es heute ein Netz, in dem Pressesprecher, Stiftungen, Verbände, Behörden, Konzernzentralen, Medienhäuser und Bildungseinrichtungen einander zuarbeiten. Niemand davon hat die alleinige Macht; alle zusammen haben sie aber mehr Wirkung auf den Alltag des einzelnen Bürgers, als ein König je gehabt hat.
Es ist nicht zynisch, das auszusprechen. Es ist nüchtern. Wer die Gegenwart verstehen will, sollte nicht der Versuchung erliegen, die Aufklärung in zwei Hälften zu schneiden — die gute Hälfte der Befreiung und die böse Hälfte der Manipulation. Beide Hälften gehören zusammen. Die Werkzeuge, die uns aus den ständischen Käfigen geholt haben, sind dieselben, mit denen unsere Köpfe heute jeden Tag bespielt werden.
Die neue Triade, in der wir längst leben
An dieser Stelle drängt sich eine Frage auf, die Bernays nicht mehr beantworten konnte: Welche Triade prägt unsere Zeit? Wenn das 19. Jahrhundert auf Dampf, Druckpresse und Volksschule aufgebaut hat, was sind die Hebel, die heute den Alltag der Massengesellschaft tragen — und uns dabei lenken?
Ein nüchterner Versuch der Antwort führt zu drei Kandidaten:
- Das Smartphone — die persönliche, ständig mitgeführte Empfangsstation, die jeden Erwachsenen, fast überall, zu jeder Tageszeit erreichbar macht. Eine Infrastruktur, gegen die selbst die Tageszeitung des 19. Jahrhunderts grob und langsam wirkt.
- Die Plattform-Algorithmen — die heutige Form der Auswahl-Maschine. Sie übernehmen, was im 19. Jahrhundert die Redaktion getan hat: die Entscheidung darüber, was der Einzelne zu sehen bekommt und in welcher Reihenfolge. Anders als die Redaktion sind sie aber individuell ausgerichtet — jeder bekommt seine eigene Auswahl, was es ungleich schwerer macht, sie zu erkennen.
- Die digitalen Bildungs- und Aufmerksamkeitsformen — eine veränderte Schule, in der nicht mehr nur Lehrer und Schulbuch die Lesegewohnheiten prägen, sondern Streams, Reels, Kurzvideos, Empfehlungen. Was an Bildung dort entsteht, ist nicht weniger — es ist anders. Und es trainiert vor allem andere Reflexe.
Diese drei Hebel hängen funktional zusammen wie die alte Triade. Das Smartphone braucht den Algorithmus, sonst wäre es überfordert. Der Algorithmus braucht die antrainierten Aufmerksamkeitsformen, sonst würde er ins Leere laufen. Die Aufmerksamkeitsformen brauchen das Smartphone, sonst hätten sie keinen Träger. Und gemeinsam erzeugen sie eine neue Form von Masse — nicht mehr die feste, zähe Masse der Tageszeitung, sondern eine flüchtige, schnell wechselnde, in tausend Strömungen aufgesplitterte Masse, die in jedem einzelnen Augenblick erstaunlich präzise lenkbar bleibt.
Ob diese neue Triade wieder eine Aristokratie stürzt oder eine bestehende Ordnung neu festzurrt, ist eine offene Frage. Die andere Frage ist sicherer zu beantworten: Das Paradox der Aufklärung — Befreiung und Lenkbarmachung in einem Atemzug — wiederholt sich in ihr eins zu eins. Jeder Schritt mehr Informationsfreiheit, jede neue Plattform der Selbstäußerung, jede demokratisierte Reichweite ist zugleich ein neues Tor, durch das andere Stimmen kommen, die genau wissen, wie man durch dieses Tor geht.
Was sich aus diesem Paradox ziehen lässt
Aus all dem folgt nicht, dass man die Aufklärung zurücknehmen oder die Triade verfluchen müsste. Beides wäre weder möglich noch sinnvoll. Was sich daraus ziehen lässt, ist eher eine Haltung — eine Form, mit der eigenen Lage in einer Massengesellschaft umzugehen, ohne sich entweder in ihren Versprechen einzurichten oder in ihrer Kritik festzukleben.
- Befreiung und Lenkbarmachung als Doppelvorgang ernst nehmen. Jede neue Freiheit hat eine Rückseite, in der sie den Befreiten erreichbarer macht. Wer das mitdenkt, wird durch keine neue Befreiungs-Erzählung mehr überrascht. Er weiß, dass mit dem nächsten Werkzeug der Selbstermächtigung auch der nächste Kanal in den eigenen Kopf geöffnet wird.
- Den eigenen Schablonen-Bestand kennenlernen. Bei den eigenen Überzeugungen — vor allem den selbstverständlichen — gelegentlich fragen: Welche dieser Bilder habe ich tatsächlich selbst geprüft, und welche habe ich aus den Schablonen meiner Zeit übernommen? Diese Frage löst keine Position auf — sie macht nur sichtbar, woher sie kommt.
- Lesefähigkeit nicht mit Urteilsfähigkeit verwechseln. Ein Mensch, der täglich viel liest, ist nicht automatisch ein Mensch, der gut denkt. Wer ehrlich ist, gibt zu, dass die meisten Stunden, die er beim Lesen oder Scrollen verbringt, Konsum sind und kein Denken. Beides ist legitim — aber sie zu unterscheiden ist die Voraussetzung dafür, das Denken nicht ganz aus dem eigenen Leben zu verlieren.
- Die Hände hinter den Bildern suchen. Wer eine Schlagzeile, ein Video, eine Studie liest, kann sich eine Sekunde Zeit nehmen, um zu fragen: Wer hat das gemacht? In wessen Auftrag? In welchem Moment? Diese Frage entwertet die Inhalte nicht — sie ordnet sie nur ein. Eine Botschaft, deren Sender man kennt, ist eine andere Botschaft als eine, die anonym daherkommt.
- Die eigene Beteiligung am Geflecht akzeptieren. Niemand steht außerhalb der Triade. Wer dieses Essay liest, sitzt mitten drin — in einer Massengesellschaft, mit einem Gerät, das von Algorithmen gespeist wird, in einer Sprache, die durch Schulen, Medien und Werbung geformt wurde. Das ist kein Versagen, sondern die Lage. Wer das nüchtern annimmt, beginnt nicht damit, sich rein zu wähnen — er beginnt damit, in einer unreinen Welt mit etwas mehr Klarheit zu navigieren.
Was die Triade gestürzt hat, war ein Königtum, das seine Zeit gehabt hatte. Was sie an seine Stelle gesetzt hat, ist nicht der freie Bürger der Schulbücher, sondern eine sehr viel verwickeltere Figur: ein Mensch, der zugleich befreit und zugängiger ist, mündig und lenkbar, lesefähig und voller fremder Schablonen. Diese Figur sind wir. Sie zu verstehen ist nicht angenehm — aber es ist die Voraussetzung dafür, in ihr nicht nur Objekt zu sein.