Linearisierung
L(x) = f(a) + f'(a) · (x − a). Tangentennäherung von f an der Entwicklungsstelle a, ausgewertet an einer Stelle x.
Linearisierung berechnen
L(x) = f(a) + f'(a) · (x − a). Tangentennäherung von f an der Entwicklungsstelle a, ausgewertet an einer Stelle x.
Was ist Linearisierung?
Die Linearisierung einer differenzierbaren Funktion f an einer Stelle a ist die Tangente an den Graphen von f im Punkt (a, f(a)) — aufgefasst als lineare Funktion L:
L(x) = f(a) + f'(a) · (x − a)
Für x nahe bei a ist L(x) eine gute Näherung an f(x). Der Fehler verschwindet schneller als jede lineare Abweichung — formal: f(x) − L(x) = O((x − a)²).
Die Linearisierung ist der Taylorpolynom-Beginn (Grad 1) und damit die einfachste Approximation einer glatten Funktion. Sie steckt hinter dem Newton-Verfahren zur Nullstellensuche, hinter der Fehlerfortpflanzung in der Messtechnik und hinter allen „kleine Schwingungen"-Argumenten der Physik.
Die Formel
L(x) = f(a) + f'(a) · (x − a)
Eigenschaften:
L(a) = f(a) (Berühren im Entwicklungspunkt)
L'(a) = f'(a) (gleiche Steigung)
Fehler:
f(x) − L(x) ≈ ½ · f''(ξ) · (x − a)², ξ zwischen a und xJe weiter x von a entfernt ist, desto stärker wirkt sich die Krümmung über f''(ξ) aus — die Näherung wird unbrauchbar.
Die Variablen
| Symbol | Bedeutung | Einheit | Erklärung |
|---|---|---|---|
| f(a) | Funktionswert | — | Wert von f an der Entwicklungsstelle a. |
| f'(a) | Ableitung | — | Steigung von f an der Stelle a. |
| a | Entwicklungsstelle | — | Stelle, um die linearisiert wird. |
| x | Auswertungsstelle | — | Stelle, an der L(x) ausgewertet wird. |
| L(x) | Linearisierter Wert | — | Tangentenwert an der Stelle x. |
Minimal-Beispiel
Linearisiere f(x) = √x an der Stelle a = 4 und werte an x = 4,1 aus.
f(a) = √4 = 2
f'(a) = 1 / (2·√4) = 0,25
L(x) = 2 + 0,25 · (x − 4)
L(4,1) = 2 + 0,25 · 0,1
= 2,025
Tatsächlich: √4,1 ≈ 2,024846 → Fehler ≈ 1,5 · 10⁻⁴Praxis-Beispiele
Beispiel 1 — Kleine Winkel
f(x) = sin(x) an der Stelle a = 0.
f(0) = 0
f'(0) = cos(0) = 1
L(x) = 0 + 1 · (x − 0) = x
Bei x = 0,1: sin(0,1) ≈ 0,09983, L(0,1) = 0,1
Bei x = 0,5: sin(0,5) ≈ 0,4794, L(0,5) = 0,5 (schon spürbarer Fehler)Daher die Faustregel der Physik: für kleine Winkel gilt sin(x) ≈ x.
Beispiel 2 — Wurzel an „bekanntem" Punkt
f(x) = √x an der Stelle a = 100. Schätze √102:
f(100) = 10
f'(100) = 1 / (2·10) = 0,05
L(102) = 10 + 0,05 · 2 = 10,10
Exakt: √102 ≈ 10,0995 → Fehler ≈ 0,005Beispiel 3 — Fehlerfortpflanzung
Der Radius r eines Kreises wird zu r₀ = 5,0 cm gemessen, mit Unsicherheit Δr = 0,1 cm. Wie groß ist der Fehler in der Fläche A(r) = π · r²?
A(r₀) = π · 25 ≈ 78,54
A'(r) = 2π · r, A'(5) = 10π ≈ 31,42
ΔA ≈ A'(r₀) · Δr
= 31,42 · 0,1
≈ 3,14 cm²Die Linearisierung ersetzt hier die exakte Differenz A(r₀ + Δr) − A(r₀) durch das einfacher zu rechnende A'(r₀) · Δr.
Beispiel 4 — Newton-Verfahren als Anwendung
Beim Newton-Verfahren ersetzt man f durch seine Linearisierung und sucht deren Nullstelle: x_(n+1) = x_n − f(x_n) / f'(x_n).
f(x) = x² − 2, f'(x) = 2x
x₀ = 1,5
x₁ = 1,5 − (2,25 − 2) / 3
= 1,5 − 0,0833…
≈ 1,4167
x₂ ≈ 1,4142 (drei korrekte Nachkommastellen)Beispiel 5 — Exponentialnäherung
f(x) = eˣ an der Stelle a = 0. L(x) = 1 + x.
L(0,02) = 1 + 0,02 = 1,02
exakt = e^0,02 ≈ 1,02020134
Fehler ≈ 2 · 10⁻⁴Für kleine x ist die Näherung eˣ ≈ 1 + x in Physik und Finanzmathematik allgegenwärtig (Zinseszins, Halbwertszeit, Boltzmann-Faktor bei hoher Temperatur).